Das Grubenunglück von Stolzenbach am 1. Juni 1988Am 1. Juni 1988, gegen 12:30 Uhr, erschütterte eine heftige Explosion die Umgebung der 15.000 Einwohner zählenden Stadt Borken in Nordhessen. Über der etwa 2 Kilometer entfernten Zeche Stolzenbach erhob sich eine schwarze Wolke aus Rauch und Kohlenstaub. In der bis zu einer Tiefe von 170 m hinab reichenden Grube war es zu einer Explosion gekommen, die 51 eingefahrenen Bergleuten, Handwerkern und Aufsichtspersonen das Leben kostete. Acht weitere Grubenarbeiter erlitten durch die aus dem Schrägstollen herausgeschleuderten Bauteile sowie der entweichenden Hitze und Druckwelle über Tage zum Teil schwerste Verletzungen. Trotz intensiver und teilweise extrem risikoreicher Bemühungen gelang es den unermüdlich tätigen Rettungskräften, lediglich sechs Bergleute zu retten. Dieses Schadenereignis stellte alle dort eingesetzten Kräfte aufgrund der Besonderheit des Braunkohletiefbaus und der sich über zehn Tage erstreckenden Einsatztätigkeit vor besondere Anforderungen. ![]() Die der Preußen-Elektra AG gehörende Schachtanlage Stolzenbach des Braunkohlegebietes Borken liegt in Nordhessen, ca. 35 km südlich der Stadt Kassel. Neben dem übertätigen Braunkohleabbau in diesem etwa 200 m über NN liegenden Gebiet handelt es sich bei der Grube Stolzenbach, wie auch bei der rund 50 km entfernt gelegenen Grube Hirschberg, um die einzigen untertägigen Braunkohleabbauorte in Deutschland. Im Tiefbau Stolzenbach wurde aus dem in ca. 60-170 m Tiefe liegenden, im Mittel 6 m starken Kohleflöz, seit 1956 Braunkohle gefördert. Die parallel verlaufenden und mit Querhieben untereinander verbundenen Förder- und Materialstrecken des etwa 25 km langen Streckensystems der Grube liegen in einer sich dem jeweiligen Flözverlauf anpassenden Sohle. Die differierenden Tiefenangaben der Sohle ergeben sich aus der unterschiedlichen Mächtigkeit des Deckgebirges. Die in dem Materialstollen verkehrende Einschienenhängebahn (EHB), mit dieselhydraulisch angetriebenen Zugkatzen, diente dem umschlagfreien Transport von Werkzeug, technischem Gerät und Ausbaumaterial von über Tage durch den 320 m langen und unter 10 Grad Neigung verlaufenden Materialschrägstollen bis zu den untertägigen Betriebspunkten. Die Kohleabfuhr aus den im Weitungs- und Streifenbruchverfahren betriebenen Abbauabteilungen erfolgte über Kettenstegförderer (Panzerförderer) und Bandförderanlagen umschlagfrei durch einen Bandschrägstollen (16 Grad Steigung) bis zu dem übertägigen 600 t fassenden Hochbunker, aus dem die Kohle auf die zum 100 MW-Kraftwerk Borken führende Werkbahn umgeschlagen wurde. Die mit besonderen Sicherungsvorkehrungen versehenen Bandförderanlagen dienten gleichzeitig der Personenbeförderung unter Tage. Der in den fünfziger Jahren abgeteufte Seilfahrtschacht wurde zuletzt ausschließlich zur Personenbeförderung eingesetzt. ![]() Gegen 12:30 Uhr ereignete sich am 1. Juni 1988 die untertägige Explosion im Grubenbetrieb der Schachtanlage Stolzenbach. Aus dem Materialschrägstollen, wie auch aus der Schachthalle des Seilfahrtschachtes und den Wetterschächten traten dunkle Rauch- und Staubwolken aus. Die aus der Grube kommende Druckwelle zerstörte den ca. 20 m langen oberirdischen Teil des als Betonröhre ausgebildeten Materialschrägstollens völlig und beschädigte umliegende Grubenanlagen und Gebäude schwer. Die bis zu 200 m weit geschleuderten Bau- und Betonteile richteten z. T. erhebliche Schäden an. Die aus dem Mundloch des Schrägstollens schlagende Druck- und Hitzewelle erfasste 8 Arbeiter auf dem Grubengelände und verletzte sie zum Teil schwer. Zu den 57 eingefahrenen Bergleuten, Aufsichtspersonen und Handwerkern bestand kein Kontakt mehr. Die Energieversorgung und somit auch die Bewetterung, Entwässerung und Beleuchtung der Grube waren ausgefallen. Das betriebsinterne Telefon- und Grubenfunknetz sowie die Druckluftversorgung und sämtliche Fördereinrichtungen waren zerstört. Aus den bis zu einer Tiefe von 80 m reichenden 3 Wetterschächten waren die Ruhebühnen der dort installierten Fahrten (Notleitern) herausgeschleudert worden. Die oberirdischen Gebäudeteile der Wetterschächte wiesen erhebliche Zerstörungen auf. Das Zechengelände wie auch die nähere Umgebung war von einer Staubschicht bedeckt. Unter dem Eindruck des bis in die umliegenden Ortschaften wahrnehmbaren Ereignisses machten sich besorgte Angehörige der in der Grube Stolzenbach Beschäftigten sowie Schaulustige mit Fahrzeugen auf den Weg zum Zechengelände der Grube. Die GrubenwehrenUnmittelbar nach der Explosion alarmierte die Grubenleitung die Mitglieder der Grubenwehr Stolzenbach. Um 13:40 Uhr fuhr der 1. Trupp der Grubenwehr Stolzenbach durch den Materialschrägstollen ein. Die ersten Erkundungen ergaben starke Zerstörungen im Grubengebäude, Bereich Materialstrecken, Abzweig (Y) Nordfeld - Berg I / Berg II und der Strecke Seilfahrtschacht - Nordfeld. Mit Unterstützung der Grubenwehr der Zeche Hirschberg wurde dann versucht, durch zwei mit Fahrten versehene Wetterschächte in die Grube einzusteigen und zu erkunden. Nach einem Abstieg von 60 m bzw. 80 m trafen die Grubenwehren auf eine erhebliche Konzentration von Kohlenmonoxid. Helfer des THW sicherten die Grubenwehrmänner beim Ein- und Ausstieg mit 2 Rollglissgeräten. Wegen Erschöpfungserscheinungen und Verdacht auf CO-Vergiftung mussten im Laufe des ersten Einsatztages 3 Grubenwehrmänner behandelt werden, später erlitt ein weiterer Grubenwehrmann unter Tage einen Wadenbeinbruch. Auf dem Land- und Luftwege wurden weitere Grubenwehren aus Hessen, dem Ruhrgebiet, Niedersachsen und dem Harz herangeführt. Von der Ruhrkohle AG aus Essen traf ein Spezialbus mit Rettungsgeräten und einer Gruppe hauptamtlicher Grubenwehrmänner ein. Insgesamt waren von der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen in Essen 16 Grubenwehren einschließlich einer Tauchergruppe und Einsatzleitung mit 574 Mann und von der Hauptstelle für das Rettungswesen Clausthal-Zellerfeld 13 Grubenwehren mit 233 Mann im Einsatz. Eine Sondergruppe von 7 Bergbeamten verschiedener Bergämter und eine Suchhundstaffel aus Wesel komplettierten die unter Tage eingesetzten Rettungsgruppen. Nach der Installation von zwei Autokränen und dem Entfernen der Fahrten und Ruhebühnen aus den Wetterschächten (Süd und Nord) gelangten nun die Grubenwehrtrupps und deren Einsatzmaterialien mittels Rettungsgondeln in die Grube. Neben der Erkundung und Suche nach Überlebenden bestand eine der ersten Aufgaben der 5 Mann starken Trupps in dem Erstellen von Wetterverschlägen, um mit den inzwischen wieder angeschlossenen Hauptventilatoren eine möglichst effiziente Wetterführung in der Grube zu ermöglichen. Nachdem anfangs nur mit Sauerstoff-Kreislaufgeräten (diese machen den Träger von der Umgebungsluft unabhängig) eingefahren werden musste, konnten nach erfolgter Bewetterung von immer mehr Streckenabschnitten so genannte Bereitschaftsstellen (Ausgangspunkte für Grubenwehreinsätze) unter Tage eingerichtet und diese im Laufe der nächsten Tage immer weiter in das mehr als 20 km lange Streckennetz hineinverlegt werden. Somit war es den Grubenwehren möglich, immer weiter in das zum Teil stark zerstörte und mit unatembaren Gasen angefüllte Stollensystem vorzudringen. Aus Sicherheitsgründen mussten die Trupps, wenn 1/3 des Sauerstoffvorrates verbraucht war, den Rückzug zum Ausgangspunkt antreten. Um ihren Aufgaben gerecht zu werden, mussten die in der Grube Stolzenbach eingesetzten Kräfte der Grubenwehren erhebliche Risiken für ihre eigene Sicherheit in Kauf nehmen. In der Grube betrugen die CO-Konzentrationen zum Teil bis zu 19.000 ppm. Auch forderten die Besonderheiten einer Braunkohlegrube von überwiegend aus Steinkohle-, Salz- oder Erzgruben stammenden Grubenwehren ungewohnte Vorgehensweisen. ![]() Die Tatsache, dass im Zuge einer Erkundungs- und Wetterbohrung im Ostfeld noch atembare Wetter und in diesem Bereich auch noch 6 Überlebende geortet wurden, stellte noch einmal große Anforderungen an die Rettungstrupps. Nach der Explosion hatten auch diese Bergleute zunächst versucht, zum Schacht zu gelangen. Einer von ihnen, Mitglied der Borkener Grubenwehr, erkannte aber bald die Gefahr der der giftigen Gase in den Grubenwettern. Das veranlasste die später Geretteten, sich immer mehr entgegen der Fluchtrichtung in die Schachtanlage, wo noch atembare Wetter vorhanden waren, zurückzuziehen. Sie befanden sich zum Zeitpunkt der Rettung etwa 2,5 km vom nächsten Ein- und Ausfahrschacht entfernt. Als feststand, dass sich im äußersten Ostteil der Grube noch Überlebende befanden, wurde sofort die Rettungsaktion eingeleitet. Als Ausgangspunkt diente die Bereitschaftsstelle 2, die gerade eingerichtet wurde und etwa 800 m vom Südschacht entfernt lag. Besetzt wurde diese Bereitschaftsstelle neben mehreren Rettungstrupps auch mit einem Notarzt und Rettungssanitätern. Da von der Bereitschaftsstelle 2 bis zum möglichen Aufenthaltsort der Vermissten etwa 2.000 m unter schwierigen Bedingungen zurückzulegen waren und somit die Gebrauchsdauer der Atemschutzgeräte überschritten werden könnte, waren sich alle Beteiligten des großen Risikos bewusst. Daher wurden vier Rettungstrupps gestaffelt mit und mit zusätzlichen Sauerstoffselbstrettern ausgerüstet, zum Rettungsvorstoß eingesetzt. Der erste Trupp erreichte um 4:20 Uhr die sechs Überlebenden, die sich 65 Stunden nach der Explosion noch in guter gesundheitlicher Verfassung befanden. Es wurden ihnen sofort die mitgebrachten Sauerstoffselbstretter angelegt und der Rückzug zur Bereitschaftsstelle 2 angetreten. Dort fand eine erste ärztliche Untersuchung statt. Danach wurden die Geretteten sofort nach über Tage in Sicherheit gebracht. Als um 6:00 Uhr des 4. Juni 1988 der letzte der Geretteten über Tage war, äußerte einer der erschöpften Grubenwehrmänner, wohl stellvertretend für alle seine Kollegen: "Das entschädigt für alles". Die Suche nach weiteren Vermissten wurde fortgesetzt, bis am 10. Juni 1988 der letzte Vermisste Bergmann tot aufgefunden und geborgen werden konnte. Die dabei eingesetzte Tauchergruppe und Suchhundstaffel waren dabei eine große Hilfe.
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